Auf ausdrückliche Empfehlung meiner Schwester ("der Typ da drin erinnert mich so an dich") habe ich die Tage Unsympath von Robin Felder gelesen. Oder verschlungen, denn sie hatte recht: Der Unsympath ist wie ich. In mehr Bereichen, als mir lieb ist. So fehlen mir zwar dessen psychologische Zwänge, mein Sozialverhalten gleicht aber immer mehr dem seinen. Was unangenehm ist, denn der Unsympath ist ein richtiges Arschloch.
Ich habe mich die letzten Wochen bewusst bei meinen sozialen Interaktionen beobachtet und Erschreckendes festgestellt: Während eines Blind-Dates etwa mit einer gar nicht so un-netten (wenn auch nicht besonders hübschen) Bankerin wurde einmal mehr klar, dass meine Fähigkeit zu Smalltalk gegen Null geht. Bereits nach zwei Minuten war ich von der Irrelevanz des Gesprächs so angeekelt, dass ich es einfach nicht schaffte, die ewig gleichen, langweiligen Fragen zu stellen, deren Antworten mich sowieso nicht interessieren. Nur kurz erwachte meine Aufmerksamkeit, als sie von ihrer Arbeit und diversen Irregularitäten in Unternehmensbilanzen erzählte – mein fragendes Nachbohren hier irritierte sie aber sichtlich. Kein Wunder also, dass nach quälenden zwei Stunden mit langen Gesprächspausen der Kontakt zwischen uns abrupt beendet wurde. Übrigens nicht der erste so gelagerte Fall in den letzten Monaten.
Letzten Freitag machte ich einen anderen Fehler – ich besuchte nüchtern (!) ein lokales Feuerwehrfest. Während meine Begleitung rapide dem Alkohol und dem damit verbundenen Spaß erlag, versuchte ich gar nicht einmal mehr, den sozialen Anschluss zu schaffen. Statt etwa mit der extrovertierten Bedienung an der Kaffeelaube ein freundliches Wort zu wechseln, brodelte in mir wütende Abscheu: Einerseits etwa, weil die immer, wie ein primitiver Tölpel, von Expresso säuselte. Und weil die Band die seit zwanzig Jahren ewig gleichen Dreckslieder trällerte. Und weil in den Pausen zwischen den ewig gleichen Drecksliedern die ewig gleiche Pausenfüller-CD dahindudelte. Die war sicher per dickem Edding mit "Geile Party-Songs 1998" beschriftet und spielte, auf immer in mein Hirn eingebrannt, ununterbrochen zuerst "Cocojambo" (Mr. President), dann "Pretty Fly for a White Guy" (The Offspring) und schlussendlich "Boom Boom Boom" (Venga Boys). Den ganzen Abend über x-mal. Unerträglich.
So verlegte ich mich schnell aufs stille Beobachten, was meiner Stimmung auch besonders zuträglich war. Links von mir versuchte eine frühreife 13-Jährige einen unschuldigen Jungen zu einer Umarmung und ein Bussi hinzureißen (er schien nicht ganz zu verstehen, was sie von ihm wollte), rechts eine verzweifelte 18-Jährige die eben in die Brüche gegangene Beziehung doch noch zu retten. Zugegeben, das heiterte mich dann kurz auf, denn auf ihr (Ex?)-Freund hatte nach ihrer flehenden, tränenerstickten Tirade nur einen verächtlichen Blick für sie übrig, bevor er wortlos in der Menge verschwand. Und überall sonst baggerten betrunkene Jugendliche andere betrunkene Jugendliche an. Ich mittendrin, stocknüchtern und grantig. Kein Wunder, dass ich jeglichen Kontaktversuch (mein Mach-es-nicht-selbs-Tocotronic-T-Shirt schien die Verrückten geradewegs anzulocken) sofort unfreundlich abwürgte.
Ich will gar nicht hören, was Fremde mir zu sagen haben. Es ist sowieso immer dasselbe. Es ist uninteressant, langweilig, redundant, eintönig und farblos. Ich vergesse es innerhalb von Sekunden wieder, warum also überhaupt noch Interesse heucheln? Warum noch mit anderen reden, wenn nichts dabei herausschaut? Mein Bekannten- und Freundeskreis erfüllt alle rede-mäßigen Bedürfnisse, die ich noch habe – und die, nebenbei, wöchentlich weniger werden.
Ist das assozial? Ich denke schon. Sollte man etwas dagegen machen? Ja. Habe ich eine Idee? Nein. Ehrliches Interesse daran? Ebensowenig. Ist das ein Problem? Definitiv.