Telefonhöflichkeit

Dieser neumodische Hype namens “Mobiltelefon” bringt zwei große Vorteile mit sich:

  1. Empfängnisverhütung wird überflüssig, denn schließlich trägt jeder Mann, der etwas auf sich hält, seinen größten Schatz direkt neben seinem zweitgrößten in der vorderen Hosentasche.
  2. Es ist ganz normal, dass man weiß, wer wann wen angerufen und nicht erreicht hat.

Punkt 1 kann man bedenkenlos unter “bequemer Zusatznutzen” abheften und der Natur ihren Lauf nehmen lassen, Punkt 2 bedarf aber einer genaueren Betrachtung.

Denn es hat sich eine unangenehme Praktik eingebürgert: Wird man angerufen und mag nicht abheben oder ist aus anderen Gründen nicht erreichbar, erwartet der Gegenüber wie selbstverständlich, dass man ihn bei der nächsten Gelegenheit zurück ruft. Schließlich steht ja schön lesbar am Display, wer da angerufen hätte.

Ruft man nicht ehestmöglich zurück und entschuldigt sich dabei nicht vielmals für die Nichterreichbarkeit, wird das von vielen gleich als Unhöflichkeit ausgelegt und der Anrufer schmollt. So beginnen Konflikte; der Kalte Krieg ist, wie aktuelle Studien nachweisen, nur deshalb aufgekommen, weil Stalin einmal nicht am roten Telefon zurückgerufen hat.

Jedenfalls, das nervt. Denn meistens endet der gesellschaftlich erzwungene, nichtsdestotrotz gut gemeinte Rückruf sowieso mit “hat sich schon erledigt” oder “puh, ich hab vergessen, was ich von dir wollte” oder “ich hab mich nur am Handy verdrückt; ich wollte eigentlich deine Ex anrufen”. Daher verlange ich, dass folgende Regel umgehend in jeden Knigge-Ratgeber, in das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch und die UN-Charta aufgenommen wird:

Es darf nicht erwartet werden, dass automatisch zurück gerufen wird. Der Anrufer probiert es selbst später erneut. Ist ein Rückruf explizit gewünscht, dann wird das mittels Nachricht auf den Anrufbeantworter oder SMS mitgeteilt.

Wird nicht zurück gerufen, ist das kein Zeichen von fehlender Höflichkeit oder Desinteresse, sondern eines von Vernunft und gelebtem Pragmatismus.

Danke für die Aufmerksamkeit. Ich rufe dich nicht zurück.

Ulrich und das Forestglade

Ein kurzer Einschub aus aktuellem Anlass: Die ÖH vergibt Freikarten zum Forestglade Festival an Einsender einer Kurzgeschichte über Festivals, die etliche zusammenhanglose Wörter enthalten muss – einer Herausforderung, der ich mich auf Bitten von CG nach dreieinhalb Post-Klausur-Sassi-Bieren gestellt habe:

Rosemarie ist das, was man gemeinhin als Festival-Freak bezeichnet – Woodstock, Summerfest, Rock am Ring, Noppenair, die Geburtstagsfeier meiner Oma letzten Sonntag, sie war dabei. Kein Wunder also, dass Ulrich, wie sie (Rosemarie, nicht meine Oma) liebevoll von ihren vier Freunden genannt wird, das Modell eines perfekten Campers und fantastischen Moshpit-Gladiators darstellt. Im Notfall kann sich Ulrich tagelang allein von Dosenbier und Moosbeeren ernähren, findet immer den besten Weg, um durch scheinbar undurchdringliche Armeen von weniger erfahrenen Fans nach ganz vorne an die Bühne zu kommen oder verkraftet problemlos auch stundenlang das zusammenhanglose, sich stetig im Kreise drehende Altweibergeschwätz anderer, im Normalfall stark narkotisierter Festival-Veteranen.

Dabei macht Ulrich das nicht aus Jux und Tollerei. Ihre exzessive Festival-Sucht mag für den oberflächlichen Außenstehenden nach der Spinnerei einer vergnügungssüchtigen, verwöhnten Göre aussehen – weit gefehlt. Ulrich wird allein von ihrem Glauben an eine bessere, eine zufriedenere Menschheit getrieben. Einer Menschheit, in der sich alle gern haben. Alle wirklich gleich sind. Alle den identen, stechenden Geruch ungewaschener Körper verströmen. Einer Gesellschaft, in der weder Gesicht noch Beine rasiert werden – von Achselhöhlen und Intimbereichen ganz zu schweigen. Einer, in der man nicht gehetzt per Düsenflugzeug zum nächsten Termin ans andere Ende der Welt jetten muss, nur um zu merken, dass man die Zahnbürste hat daheim liegen lassen. Ulrich wünscht sich in ihrem kleinen Herzen nichts sehnlicher, als eine neue Welt, in der die Menschen von alleine ihren Verstand behalten, statt die letzten Reste in wöchentlichen Therapiesitzungen zusammenkratzen zu müssen. Ulrich lebt einen Traum, den sie, trotz ihres stolzen Alters von 88 Jahren, bis jetzt nur auf Festivals erleben durfte. Für diesen Traum hat sie alles aufgegeben: Hygiene, vernünftige Ernährung, Tinnitus-freies Hören – und hat es nie auch nur eine Sekunde bereut. Erwähnte oberflächliche Außenstehende mögen darüber den Kopf schütteln, aber Ulrich ist uneingeschränkt glücklich. Und wer kann das schon von sich behaupten?

Eine Liebesgeschichte (1)

Gelangweilt vom verregneten Urlaub, inspiriert von schneidigen Dirndln, angespornt vom neu aufgeflammten Verlangen, wieder mehr zu schreiben und nicht zuletzt unterstützt durch minutiöse Ahnenforschung folgt nun eine Liebesgeschichte – eine voller Spannung, Tiefgang und Hardcore-Sexszenen.

Josef hatte es nie einfach. Das behauptet zwar ein jeder von sich, bei Josef ist es aber wahr. Als jüngster von neun Söhnen und mehrerer, irrelevanter Töchter lebte er vor gut 200 Jahren im ländlichen Mühlviertel in einer jener Kleinfamilien, die auch heute noch für diesen kargen Landstrich so typisch sind. Josefs Vater, ein ehemaliger Lehman-Brothers-Großaktionär, war bitterarm. So musste der kleine Sepp auch als Kind hart arbeiten und wurde schon mit 12 Jahren, damals also direkt nach dem Zivildienst an der örtlichen Rotkreuzstation, als Knecht an einen Gutsbesitzer übergeben.

Dort bekam Josef zwar ein wasserfestes Dach über dem Kopf und drei Bio-Mahlzeiten am Tag, das Leben als Knecht war jedoch hart und eintönig. Frühmorgens um fünf musste er aufstehen, um die Kühe zu melken und die Katzen zu streicheln; den Tag über schuftete er am Feld las Steine oder Kartoffeln auf, im Winter Reisig im Wald. Und am Abend musste er direkt nach der ZIB2 ins Bett, nur am Samstag durfte er etwas länger aufbleiben und Wetten-Dass schauen – Josefs Gutsherr war ein strenger Herr.

Mehrere Jahre gingen ins Land und aus dem kleinen, unansehnlichen, kurzbeinigen Sepp wurde ein attraktiver, hochgeschossener junger Mann mit einem von der harten Arbeit gestählten und von der Sonne tief gebräunten, sehnigen Körper, dass dem Dorfpfarrer jeden Sonntag das Wasser im Mund zusammenlief. Der schöne Jüngling entging natürlich auch der lokalen Weiblichkeit nicht und Josef konnte sich kaum erwehren vor Einladungen zur Prom. Er zeigte aber kein Interesse, wehrte höflich aber bestimmt alle Avancen ab, ganz egal wie einladend ein Sonntagsdirndl auch geschnitten war. Josefs Freunde munkelten schon über ihn und das andere Ufer, und der Pfarrer wähnte seine Gebete erfüllt.

Das alles änderte sich aber schlagartig an jenem denkwürdigen Tag, als am Nachbarhof, dem schönsten und größten des Dorfes, eine neue Magd eingestellt wurde. Josef sah sie das erste Mal, als er am Feld stand und Kartoffeln klaubte. Mit offenem Mund musste er innehalten, als er die Schönheit erblickte, die langsam den Feldweg entlang ging und deren gebährfreudige Hüften bei jedem Schritt aufregend rhythmisch nach links und rechts ausholten. “Des is die Resi”, raunte ein ebenfalls kartoffelklaubender Kollege Josef zu, “de hätt fost bei Germanies Next Top Model gwunna, aber der Klum wars donn do ned recht.” Resi war zwar an bei ihrem Anblick sprachlose Knechte gewohnt, doch auch ihr fiel dieser attraktive Junge mit den besonders großen Kartoffeln auf; schüchtern lächelte sie ihm zu, bevor sie um die Wegbiegung verschwand

Von dem Moment an konnte Josef an nichts anderes mehr denken als an Resis Hüften. Er konnte nicht schlafen und war stets tagträumend in Gedanken versunken, was ihm so manches Mitarbeitergespräch mit seinem Gutsherrn einbrachte, da er wiederholt unausgeschlafen und geistesabwesend die Kühe streichelte und die Katzen melkte. Josef wars aber egal, selbst als ihm die tägliche Nutella-Ration gestrichen wurde und er kein Eis mehr zum Nachtisch bekam – er wollte nur noch eins: Resi in seinen starken Armen halten.

Aja, und Dinge mit ihr anstellen, die jedem anderen schamvoll das Blut in die Wangen getrieben hätte.

Fortsetzung folgt hier.

Schulbeginn

Ich wohne ja in direkter Nähe zu zwei Schulen. Jetzt nach den gottgegebenen Sommerferien muss man sich erst wieder an die Lärmkulisse gewöhnen – tagsüber ists mir ja egal, aber morgens ab halb acht klingt es bei gekippten Fenstern schon wie im Freibad (von den fehlenden Platschern mal abgesehen).

Viel schlimmer ist aber, dass dieses schülerische Jung-Gesindel ständig an der Bushaltestelle rumlungert, wo auch ich mich, dem Regen sei’s gedankt, vorübergehend aufhalten muss. Auch nach dem Schulbeginn um 08:00 wird jenes Gelungere übrigens nicht weniger, im Gegenteil. Heute morgen konnte ich so aber das perfekte Klischee einer amerikanischen High-School beobachten:

Auf der Bank lümmeln vornübergebeugt die coolen Jungs aus dem Footballteam, mit der Zigarette im Mundwinkel und kleinen Speicheltümpeln vor sich auf dem Boden; gesprochen wird nicht viel, nur hin und wieder werden Abenteuer aus den Ferien zum Besten gegeben, die sich alle nur in der Art, jedoch nicht der Menge des konsumierten Alkohols unterscheiden.

Nur ein paar Schritte weiter rechts umarmen sich ununterbrochen die beliebten, hübschen Mädchen (die Cheerleader) und können es kaum glauben, dass sich alle während der Ferien so uuunglaublich verändert haben – ein Fakt, dem offenbar mit lautem Quietschen und kleinen Sprüngen Rechnung getragen werden muss. Die Feriengeschichten unterscheiden sich hier hauptsächlich in der Reihenfolge, in der bestimmte Länder besucht wurden. Ein weiteres distinktes Merkmal zur Unterscheidung des schräg über die Stirn gekämmten Einheitsbreis ist übrigens der neueste Klingelton, der gerne stolz mehrmals hintereinander präsentiert wird.

Die Besetzer der niedrigeren Ränge in der Hackordnung haben sich etwas weiter weg zusammen gefunden, wie etwa die picklige Bohnenstange aus dem AV-Club und das extrem übergewichtige Goth-Mädchen im schwarzen Kapuzenpulli, die sich halb hinter dem Busch im abgelegeneren Teil der Bushaltestelle platziert haben und flüsternd ihre, zweifelsohne langweiligen, Ferienerlebnisse austauschen, nur unterbrochen von den eigenen verächtlichen Blicken auf die glamouröseren Schulkameraden.