Gutes von Oben

Nicholas Negroponte hat lauter tolle Ideen: Der Gute ist Chef der “One Laptop per Child (OLPC)”-Foundation, die es sich zum lobenswerten Ziel gemacht hat, Kinder aus der dritten Welt mit Computern auszustatten, um ihnen Lesen und generell den Umgang mit Technik beizubringen.

Jetzt setzt er noch eins drauf und schlägt vor, die nächste Generation der OLPC-Geräte gleich per Hubschrauber abzuwerfen und so unter die Zielgruppe zu bringen. Genial! Mit einer bahnbrechenden Idee lassen sich alle logistischen Probleme der Welt auf einen Schlag lösen.

Denn die dergestaltige Anlieferung per Luft ist nicht nur für Tablets für die Dritte Welt der optimale Weg. Um wieviel bequemer man mit diesem Konzept auch das Leben bei uns machen könnte: Briefkästen und -träger werden sofort überflüssig; das führt zu enormen Einsparungen bei der Post (die ja schließlich bekannt ist für ihr fortschrittliches Denken). Amazon-Packerl müssen nicht mehr mühsam vom Postamtpartner abgeholt werden, sondern einmal täglich tuckert ein Hubschrauber über die Stadt und schaufelt hocheffizient die Päckchen nach unten. Neuwagen werden bezirksweise direkt aus Flugzeugen abgeworfen – die Möglichkeiten sind unendlich. Denkt man besonders progressiv könnte man die Idee sogar auf den Personenverkehr anwenden – ich bin begeistert.

Gar keine schlechte Idee

Eigentlich hatten unsere Ahnen gar keine so schlechte Idee. Ich rede, natürlich, vom uralten Brauch, den Ehepartner für die eigenen Kinder auszusuchen und vorzugeben, im Extremfall schon lange vor dem vermählungsfähigen Alter.

Dies wird auch heutzutage noch in vielen Kulturen so gehandhabt, nur in unseren Breitengraden ist es unverständlicherweise verpönt, sieht man von einigen wenigen progressiven Zuwandererclans ab.

Grade wir Österreicher sollten uns unserer langen Tradition solcher Verbindungen entsinnen (“Bella gerant alii, tu felix Austria nube.”) und schön langsam, immerhin bin auch ich schon im heiratsfähigen Alter, erkenne auch ich die unleugbaren Vorteile eines solchen Arrangements.

Selbst wenn man möglichen politischen oder gesellschaftlichen Nutzen außen vor lässt, verfügen die eigenen Eltern über Jahrzehnte an zusätzlicher, nützlicher Lebenserfahrung, sind also erheblich besser dazu qualifiziert, den Partner fürs Leben zu finden als man selbst, der man doch sowieso nur von schmutzigen Gedanken und oberflächlichen Trieben gesteuert wird.

Und seien wir mal ehrlich: Selbst wenn man heute glaubt, die immerwährende Liebe des Lebens gefunden zu haben – in zwei, drei Jahren schaut die Sache schon ganz anders aus. Viel Unterschied zu einer arrangierten Ehe ist dann sowieso nicht mehr zu erkennen: Einmal die Woche Sex (Sonntags nach der ZIB2) und gemeinsame Abendessen bei Todesstille. Nur im Winter ist man froh, wenn man im kalten Schlafzimmer einen warmen Körper neben sich liegen hat.

“Du bist ja nur dessillusioniert”, zetert nun der frischverliebte Leser (m/w). Mag sein, aber ich bin zu alt, um mich noch länger aus dem Bravo entsprungenen Teenagerträumen hinzugeben, ich muss die Dinge pragmatisch angehen. Wären sie dafür zuständig gewesen, müssten sich jetzt weder meine Mutter noch meine Großmutter Sorgen machen, dass ich, Zitat, “übrig bleibe”. Da, zumindest in Österreich, das Verhältnis Mann/Frau fast 1 ist, würde nämlich überhaupt niemand übrig bleiben. Ein Paradies der kleinbürgerlichen Idylle also?

Vielleicht. Schließlich durfte ich auf 3sat schon genug Dokumentationen über Zwangshochzeiten im Hinterland der Türkei sehen, um durchaus auch über die Nachteile im Bilde zu sein. So finde ich es natürlich nicht schön, wenn ein bildhübsch verschleiertes 16-jähriges Mädl (natürlich Jungfrau) mit einem ekligen 45-Jährigen (vermutlich ebenfalls Jungfrau) vermählt wird. Gewisse Regeln (etwa Alter, Gewicht, bevorzugtes Fernsehprogramm) müssen die Eltern bei der Partnerwahl also unbedingt einhalten.

Ganz anders als die Türken sehe ich übrigens die Kein-Sex-Vor-Der-Ehe-Direktive; im Gegenteil, desto mehr Erfahrung und Fähigkeiten in eine Beziehung (arrangiert oder nicht) eingebracht werden kann, umso besser. Schließlich profitieren beide davon, grade wenn man sich sonst nichts zu sagen hat.

Wird man ein Leben lang wirksam indoktriniert, dass man diese oder jene Person zu ehelichen hat, stellt sich vermutlich auch gar nicht mehr so stark die Frage nach Sinn oder Gerechtigkeit. Ich stell mir das dann so vor wie mit der Arbeit: Von Kindesbeinen war vorgezeichnet, dass ich mal 40, 50 Jahre arbeiten müsse. Niemand hat mich je gefragt, ob ich das überhaupt wolle – ein Nachdenken darüber oder Hadern damit kam mir also gar nie in den Sinn.

Zusammenfassend könnte man also vom perfekten System sprechen, gäbe es nicht ein klitzekleines Problem: Was tun, wenn man den totalen Krompn oder die absolute Schiachperchtn zugeteilt bekommt?

Das Gfrett mit den Öffis

Öffentliche Verkehrsmittel sind einer super Sache und ich benutze sie fast täglich, sowohl den Bus als auch die Straßenbahn. Trotzdem würde die Abwesenheit folgender Punkte das "Erlebnis Öffi" noch erheblich verbessern:

  • Personen drängen rücksichtslos in das Fahrzeug, noch bevor die aussteigenden Fahrgäste überhaupt draußen sind.
  • Drecksjugendliche sind der Ansicht, das ganze Fahrzeug mit ihrer Drecksmusik aus ihren Dreckshandys beschallen zu müssen.
  • Kinder tollen durch das Fahrzeug, machen Krawall und blockieren oder öffnen sinnlos die Türen. *
  • Gewisse Zeitgenossinnen telefonieren in einer Form, dass auch der allerhinterste Fahrgast noch lautstark und deutlich die belanglosen Geschichten mithören darf.
  • Abfahrzeiten sind unmöglich auf die Minute genau zu planen, weil die Fahrzeuge nicht nur zu spät, sondern ab und an auch zu früh abfahren.
  • Fahrgäste essen stinkende Kebabs und hinterlassen nicht nur eine abstoßende Geruchswolke, sondern auch Saucen- und Essensreste auf den Sitzen.

* Dazu hab ich eine nette Anekdote, die ich vor einiger Zeit erlebt habe: Zwei etwa 6-jährige Bengel (sie fuhren ohne Aufsicht) betrachteten die halbleere Straßenbahn als ihren persönlichen Spielplatz, schrien, kletterten herum, blockierten die Türen (was ja das Weiterfahren verhindert) und führten sich überhaupt auf wie kleine Kinder. Die anderen Fahrgäste waren schon sichtbar genervt und der eine oder andere hatte schon, ergebnislos, um Ruhe gebeten, was zu einer ziemlich gereizten Stimmung führte. Plötzlich stolperte einer der beiden Lümmel, als die Straßenbahn wieder einmal anfuhr und fiel ziemlich ungemütlich auf den Boden, woraufhin er prompt herzzerreißend zu weinen begann, sein schmerzendes Knie rieb und hilfesuchend herum blickte. Keiner der anderen Fahrgäste rührte auch nur einen Finger, im Gegenteil, ohne Ausnahme hatten sie einen breiten Grinser im Gesicht und betrachteten zufrieden den in Tränen ausgebrochenen, endlich ruhig gestellten Störenfried. Ich hatte sogar das Gefühl, dass fast Applaus ausgebrochen wäre.

Die Lego-Problematik

Das ist zwar nicht mehr recht aktuell und dürfte auch nur mehr wenige meiner geneigten Leser aktiv betreffen, aber während einer längeren Straßenbahnfahrt ist in mir ein altes Kindheitstrauma hochgekommen, dem ich auf diesem Wege beizukommen hoffe.

Als Kind war Lego mein absolutes Lieblingsspielzeug. Ich hatte zahllose Kisten davon, baute verwinkelte Städte, unbezwingbare Burgen, mächtige Flugzeugträger und riesige U-Boote. Damals bestand Lego auch noch hauptsächlich aus richtigen eckigen Klötzchen und Bauteilen und jeder "Spezialteil" den man hatte war etwas besonderes. Heutzutage ist Lego ja ganz anders und lange nicht so kreativitätsfördernd wie früher. Damals baute ich nie nach Vorlage, sondern erfand mir lieber meine eigenen Kreationen und verbrachte Stunden, Tage und Wochen damit, meiner Festung den letzten Schliff zu geben oder den Torpedowerfer meines Schlachtschiffes so aerodynamisch wie möglich zu gestalten.

Natürlich ging es bei mir – als Kind wurde man immerhin von zahllosen Zeichentrickserien indoktriniert – immer um einen endlosen Krieg der Guten gegen die Bösen. Meine Lieblinge waren selbstredend die Guten, und ich baute ihnen das beste Equipment, das man sich nur wünschen konnte.

Das Problem hierbei war aber, dass dadurch alle guten, nützlichen Legoteile natürlich für die Guten verbraucht wurden – die Bösen bekamen dann die traurigen Reste und mussten schauen, wie sie damit zurecht kamen. Das endete dann meist so, dass sie mit irgendwelchen Segelbooten, Säbeln und uralten Kanonen gegen das hypermoderner U-Boot der Guten mit Revolver-Torpedowerfern, Gatling-Kanonen und ballistischen Raketen antreten mussten. Ihr einziger Vorteil war stets ihre Hinterhältigkeit, mit der sie die rechtschaffenen, heldenhaften Guten auszutricksen versuchten.

Der Sieg der Guten war durch ihre technologische Überlegenheit zwar stets gesichert und wunderbar plausibel, aber so richtig fair kam mir das als Kind nie vor. Es macht halt auf Dauer keinen rechten Spaß, sich ständig Wege zu überlegen, wie eine Muskete einer meterdicken Titanpanzerung gefährlich werden kann.

Dieses Problem konnte ich nie zu meiner Zufriedenheit lösen und könnte es auch heute nicht, denn den Bösen einige nützliche Legoteile der Guten zu geben, kam natürlich nicht in Frage. Wie hat dies der geneigte Leser gelöst – oder war der so ein peinlicher Playmobil-Spieler, der nicht einmal selber etwas entwickelte, sondern nur mit den langweiligen vorgefertigten Teilen spielte?