Was ist so schlimm an Analogkäse?

Echter, richtiger, unverfälschter Analogkäse.

Echter, richtiger, unverfälschter Analogkäse.

Ich verstehe die aktuelle Aufregung um die weite Verbreitung von imitiertem, “falschem” Käse nicht.

Zugegeben, der Name ist problematisch. Was soll das sein, Analogkäse? Was ist hier analog? Und ist normaler Käse aus Milch dann Digitalkäse? Wenn ja, müsste es nicht umgekehrt sein, weil Analog ist ja eigentlich altmodischer als digital, und Analogkäse ist eine moderne Erscheinung? Fragen über Fragen.

Ansonsten hab ich kein Problem mit “falschem” Käse. Wer Margarine isst, darf sich über Analogkäse nicht beschweren, immerhin sind die beiden nicht so unterschiedlich, wie jeder mit einem Blick auf die Zutaten selber nachprüfen kann. Auch für Veganer sehe ich schöne Vorteile.

Viel schwerer wiegt aber: Ist es eigentlich nicht viel angenehmer und ansprechender, schön industriell (keimfrei) gefertigten Käse aus hauptsächlich pflanzlichen Zutaten zu sich zu nehmen, als ein seltsames Produkt, das aus dem Drüsenprodukt eines großen, dummen Säugetiers besteht? Und das vor dem Verzehr monate- bis jahrelang in stinkenden, dunklen Kammern herumliegt und von zahllosen Schimmelpilzen und Bakterien zerfressen und verdaut wird?

Ich hab nix gegen Käse, im Gegenteil. Aber genauso wenig hab ich gegen das analoge Pendant. Ehrlich gesagt finde ich das sogar unbedenklicher.

Fett ist halt doch Geschmacksträger Nr. 1

Ich konnte meinen Augen kaum trauen. Eher zufällig erblickte ich am Ketchup/Senf/Majonäse-Regal, das ich üblicherweise aus Rücksicht auf mein stolzes Bäuchlein meide, eine mir bis dato unbekannte Erscheinung: Ultra-Low-Fat-Majonäse mit dem sagenhaft niedrigen Fettanteil von drei Prozent. "Da nimmst du ja schon während dem Essen ab", hab ich mir gesagt und hocherfreut die Neuentdeckung ins Einkaufswagerl geworfen.

Zwei Dinge hätten mir zu diesem Zeitpunkt schon suspekt vorkommen müssen: Erstens gibt es diese Majonäse nur in verhältnismäßig großen Fläschchen, in denen doch mehr drin ist ist als in den den Tuben, deren sonst meine ganze Leidenschaft gilt. Zweitens ist der Literpreis, der ja dankenswerterweise überall angeschrieben werden muss, erheblich niedriger (!) als bei der üblichen Majonäse. In meiner Euphorie übersah ich aber diese Indizien.

Kaum daheim angekommen schmiss ich mir auch schon einen Käsetoast in den Toaster und kleckste einen ordentlichen Batzen Ultra-Low-Fat-Majonäse aufs Teller. Mit Vorfreude und Appetit tunke ich eine dicke Ecke meines Toasts ein und biss herzhaft ab – nur um prompt den Mund sowie alle darin anzutreffenden Geschmacksknospen angeekelt zusammen zu ziehen. Dieses weiße Zeug mag vielleicht aussehen wie Majonäse, hat aber auch nicht im geringsten etwas damit zu tun. Ich hab ernsthaft versucht, den Geschmack einzuordnen, aber es gelang mir auch nach einigen Bemühungen nicht – er ist einfach nur ekelhaft.

Eines ist für mich erneut bewiesen: Fett ist halt doch ein enorm wichtiger Geschmacksträger. Low-Fat-Majonäse ist scheiße, genauso wie Low-Fat-Eis oder Low-Fat-Käse. Ist es tatsächlich so schwer, den Geschmack von Fett zu simulieren, damit diese nahrungsmitteltechnischen Ausgeburten auch nur halbwegs so lecker schmecken wie ihre ungesünderen Vorbilder? Es ist mir egal, welche verrückten Experimente in osteuropäischen Labors durchgeführt oder welche absurden Inhaltsstoffe beigemengt werden müssen, aber wäre es nicht im Hinblick auf die zunehmende Verfettung der Menschheit im Allgemeinen und meiner Selbst im Speziellen vernünftig, in diesem Bereich intensiver zu forschen? Bei Zucker hat man es doch auch halbwegs zufriedenstellend geschafft, warum nicht bei Fett?

Auch Bio ist ein bisschen schuld

Die Medien überschlagen sich derzeit ja (ich weiß, ich bin zu diesem Thema ein paar Tage zu spät dran) mit neuen Gruselgeschichten über die horrenden Lebensmittelpreise (die ich mittlerweile übrigens selbst zu spüren bekomme und daher kaum noch mit meinem kargen Einkommen ein Auskommen habe – ich hoffe inständig, dass McDonalds seine Burgerpreise halten kann). Die an dieser Misere Schuldigen wurden glücklicherweise schnell ausgemacht: Biosprit und die Chinesen. Gut, ist soweit für mich schlüssig und nachvollziehbar. Ich habe aber noch eine Kleinigkeit hinzuzufügen:

Ich glaube auch, dass der seit Jahren grassierende Bio-Wahn sein Schäufchen dazu beiträgt (wenn auch nur ein klitzekleines, weil der Anteil an Bio-Landwirtschaft halt noch sehr gering ist). Denn durch die sanfte und schonende Bewirtschaftung kann natürlich weniger effektiv produziert werden als bei konventioneller auf der gleichen Fläche. Soll heißen, der Markt bekommt weniger Güter, was sich in der Folge steigernd auf den Preis auswirkt.

Selbstverständlich ist mir klar, dass dieser schlechte Einfluss, wenn überhaupt, reel kaum zu spüren ist, aber man darf nicht immer nur die tollen Seiten der Bio-Landwirtschaft sehen – und wenn immer mehr Landwirte sich entscheiden, künftig biologisch zu produzieren, dann wird sich das definitiv stärker (also schlechter, weil treibender) auf den Preis auswirken.

Überhaupt ist Bio nicht ausschließlich gut für die Umwelt. Ich glaube (ohne jetzt in irgendeiner Weise über Fakten Bescheid zu wissen), dass zB gerade bei der CO2-Bilanz (das Buzzword 2008) die konventielle Landwirtschaft besser abschneidet – auch das hat wieder mit der Produktivität zu tun. Man denke nur über folgende Milchmädchenrechnung nach: Ein Biobauer braucht für sein Feld, dass eine Tonne Bioweizen produziert, eine Stunde auf dem Traktor, ein "normaler" produziert auf dem selben Feld, in der selben Zeit aber zwei Tonnen konventionellen Weizen. Das heißt, ein Biolandwirt pustet doppelt soviele Traktorabgase in die Luft, um die selbe Menge an Nahrungsmitteln zu produzieren. Klingt schlüssig, oder?

Was ich damit sagen will: Man kann und darf zu Bio stehen wie man will, aber man muss schon auch sehen, dass auch die schonendste und nachhaltigste Landwirtschaft nicht nur supergeil und das Gelbe vom Ei oder eine ebensolche legende Wollmilchsau ist, sondern durchaus auch massive, kalkulierbare Nachteile hat4, die früher oder später zu Tage treten. Das hat schon die Geschichte gezeigt (möglicherweise ist Bio ja der Atomstrom der 50er-Jahre ;).