Karenz-Tagebuch C

Linz, am 31. Juli 2015

Geliebtes Tagebuch,

dies ist meine letzte Korrespondenz an Dich. Zumindest was die Neuigkeiten aus der Väterkarenz betrifft.

Einhundert liebevoll handgetippte Epistel an Deine Adresse sind nun aber wirklich genug. Deine Antworten sind in den letzten Wochen ja auch rarer und karger wurden. Macht aber nichts, ich verstehe Dich gut. Du als betuchter, attraktiver Single hast auch anderes zu tun, als Dir ständig meine Baby-Geschichtchen anzuhören. Jet-Set, Clubs und Chicks und so, schon klar, ich weiß Bescheid.

Solltest Du wider Erwarten doch einmal alleine in Deinem Penthouse aufwachen und familiäre Anwandlungen aufkommen, habe ich Dir die gesammelten Karenz-Tagebücher zum Nachlesen zusammen gestellt.

Ich danke Dir von Herzen für Deine Aufmerksamkeit, Deine lustigen Anmerkungen und Dein Mitgefühl und verbleibe, Dir auf ewig zugetan und Dein.

Viele Grüße vom Baby und von Mama!

Karenz-Tagebuch XCIX

An: Gel. Tagebuch
Eilsendung

Baby unterscheidet genau zwischen Mama und Papa <STOP> Reproduzierbar seit gut einer Woche <STOP> Beim abendlichen Ins-Bettchen-Legen <STOP> Mit Mama: Große Traurigkeit, großer Bedarf nach Kuscheln, dann alles gut <STOP> Mit Papa: Griff nach Kuscheltier und Nucki, Seitendrehung, Schlaf <STOP> Unbekannt, ob dies eher für Mama oder für Papa spricht <STOP>

Karenz-Tagebuch XCVIII

An: Gel. Tagebuch
Eilsendung

Mama und Papa hätten sich ja wirklich bemüht <STOP> Moderne Eltern und so <STOP> Leider versagt <STOP> Baby wurde keinerlei Geschlechtsstereotypen ausgesetzt <STOP> Trotzdem jetzt schon eindeutig festgelegt <STOP> Bringt zuverlässig jedes Mal größte Begeisterung zum Ausdruck <STOP> Bei Autos <STOP> Und LKW <STOP> Und Baumaschinen <STOP> Und vor allem: Mopeds <STOP>

Karenz-Tagebuch XCVII

An: Gel. Tagebuch
Eilsendung

Mama und Papa mit grundlegend unterschiedlichen Erziehungsstil <STOP> Wenn Baby gelangweilt <STOP> Papa wählt liebevoll sorgfältig einzelnes Spielzeug <STOP> Und versucht, Baby dafür zu interessieren <STOP> Mama nicht minder liebevoll <STOP> Stellt gleich ein, zwei Kisten voller Spielzeug vors Baby <STOP> Wird schon was dabei sein, das in dem Moment passt <STOP>

Karenz-Tagebuch XCVI

An: Gel. Tagebuch
Eilsendung

Papa muss der Gefahr täglich ins Auge sehen <STOP> Besser: In den Mund <STOP> Baby hat mittlerweile einen Mund voller Zähne <STOP> Und weiß sie effektiv einzusetzen <STOP> Finger <STOP> Knie <STOP> Zehen <STOP> Arm <STOP> Nase <STOP> Oberschenkel <STOP> Ohren <STOP> Ellbogen <STOP> Kinn <STOP> Nippel <STOP> Nur eine Sekunde Unachtsamkeit, schon gibt es wieder irgendwo neue Zahnabdrücke <STOP>

Karenz-Tagebuch XCV

An: Gel. Tagebuch
Eilsendung

Als Papa muss man manchmal über eigenen Schatten springen <STOP> Erziehung erfordert Verzicht <STOP> Etwa auf eigene Privatsphäre <STOP> Denn: Was soll Mann machen, wenn Baby partout nicht allein sein möchte <STOP> Aber die Natur mindestens so unüberhörbar laut schreit <STOP> Bleibt nun mal nichts anderes übrig <STOP> Als stilles Örtchen vorübergehend zu teilen <STOP>

Karenz-Tagebuch XCI

An: Gel. Tagebuch
Eilsendung

Urlaubszeit <STOP> Merkt man, weil viel mehr Väter als sonst am Rand des Babybeckens sitzen <STOP> Aber nicht für alle selbstverständlich <STOP> Etwa dreijähriges Mädchen und deren Großmutter beobachteten heute Babys Windelwechsel <STOP> „Oma, das ist ein Mann!“ <STOP> „Ja“ <STOP> „Papa?“ <STOP> „Ja, das ist der Papa von dem Baby“ <STOP> „Windel?“ <STOP> „Ja, das Baby braucht neue Windel“ <STOP> „Aber Mama macht Windel, nicht Papa!“ <STOP> Nun ja <STOP>